Oft merkt man erst, wenn das Licht ausgeht, wie laut es eigentlich den ganzen Tag war. Sinneseindrücke prasseln auf dich ein und du denkst tausend Gedanken im Kreis.

So wie mit dem Sommer das Herz leichter wird, so wird mit der Meditation der Kopf klarer. 

Yoga, Pranayama & Meditation haben mir in den letzten Jahren  auf diese Art und Weise den Weg gewiesen.

Weil dies so ein verlässlicher Begleiter ist, träumte ich schon seit Jahren davon, mich im Zuge eines Vipassana ein paar Tage ganz der Meditation & Achtsamkeit zu widmen. Und zwar in einem Umfeld, das diese Praxis fördert und fordert.

Vipassana ist eine Technik, die von Siddharta Gautama lange vor Christus entwickelt wurde. Das Wort bedeutet übersetzt so viel wie Klarheit und Einsicht und ist damit gleichzeitig das Ziel des Retreats.

Klassischerweise dauert ein Vipassana zehn Tage und der Tagesablauf ist sehr simpel: Meditation, Achtsame Arbeit, simple Mahlzeiten.

Gerade der simple Tagesablauf hat mich lange dazu hingezogen… und im selben Atemzug lange abgehalten. Ich hätte doch keine Zeit den ganzen Tag nichts zu tun als Präsent zu sein. 15 Minuten Meditation reichen doch auch, so dachte ich mir.

Heuer siegte die Neugier und ich gönnte mir dann trotzdem diesen Luxus. Wobei der Luxus in der Stille bestand.

Kein Handy, keine E-Mails, kein Social Media, keine Bücher, keine Gespräche, keine Uhr … einfach nur sein.Das Tun liegt im Vipassana hauptsächlich im Nicht-Tun.

 

Ein Mönch hatte sich in die Einsamkeit zurückgezogen, um sich fern vom lärmenden Leben ganz der Meditation und dem Gebet widmen zu können. Einmal kam ein Wanderer zu seiner Einsiedelei, und bat ihn um etwas Wasser. Der Mönch ging mit ihm zur Zisterne.

Dankbar trank der Fremde den ihm gereichten Becher leer, und fragte dann: “Sag’ mir, welchen Sinn siehst du in deinem Leben in der Stille?” Der Mönch wies mit einer Geste auf das aufgewühlte Wasser und antwortete: “Schau’ in die Zisterne. Was siehst du?” Der Wanderer blickte hinein, hob dann den Kopf und sagte: “Ich sehe nichts.”

Nach einer kleinen Weile forderte der Mönch ihn nochmal auf: “Schau’ in das Wasser der Zisterne. Was siehst du jetzt?” Noch einmal blickte der Fremde auf das Wasser und antwortete: “Jetzt sehe ich mich selber!”

“Damit ist deine Frage beantwortet”, erklärte der Mönch. “Als du zum ersten Mal in die Zisterne schautest, war das Wasser vom Schöpfen unruhig, und du konntest nichts erkennen. Jetzt ist das Wasser ruhig – und das ist die Erfahrung der Stille: Man sieht und erkennt sich selbst!”

 

Ein Tag beim Vipassana

Der Gong schlug zum ersten Mal pünktlich mit Sonnenaufgang. Nachdem ich mich mit Wasser erfrischt habe ging es direkt zum Morgen Yoga und sanften Übungen, um den Körper auf das lange Sitzen vorzubereiten.

 

scheibbs gong vipassana

 

Die erste Meditations Session dauert circa zwei Stunden, wobei abwechselnd im Sitzen und Gehen meditiert wird.

Nach einem leichten Frühstück beginnt die Arbeitsmeditation. Das bedeutete im Klartext: Abwaschen, Gemüse schnippeln, Tische decken, Gartenpflege und Bänke hobeln.

Vor und nach dem Mittagessen finden ebenfalls Meditationsperioden von circa. zwei Stunden statt, wobei wir nie länger als 40 min am Stück gesessen sind und uns zwischendurch im achtsamen Gehen / Gehmeditation übten.

Die letzte Meditationsrunde findet nach dem Abendessen statt. Um neun ging das Licht aus und bei diesem Retreat herrschte wirklich sehr früh Stille im Haus.

Vereinzelt spazierten einige von uns durch den nächtlichen Garten. Ich nutzte jede freie Minute für Yoga und Kräftigungsübungen. Sogar im Bett streckte und räkelte ich mich noch leise. Immerhin teilten wir uns zu sechst ein Zimmer und lagen meine Kolleginnen alle sehr früh im Bett. Und da so gar keine Ablenkung da war folgte ich ihnen bald in einen frühen, tiefen Schlaf.

 

Die erste Meditationsrunde im Vipassana

Wir starteten an einem lauen Abend. Die Nachrichten meldeten herrliches Badewetter und mein To Do Planer war eigentlich randvoll.

Als ich da so saß, fiel es mir wie Schuppen von den Augen:

Das ist es, was ich die nächsten Tage tun werde: Sitzen und Atmen. Nichts besonderes. Einfach nur präsent bleiben.

Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Am ersten Abend plagten mich die Verspannungen von der langen Autofahrt. Ich kam etwas zu spät und hatte keine Zeit mir, mich etwas zu bewegen. Also saß ich da mit 34 anderen Menschen, von denen ich nichts wusste, als das wir alle Meditieren werden. Abgespannt und müde.

Ich zweifelte kurz an meiner Entscheidung und sehnte mich zu meinem Schreibtisch, wo ich die nicht enden wollenden Aufgaben erledigte. Präsenz lässt sich doch auch im Alltag üben, so dachte ein Teil von mir. Am Ende besann ich mich aber zu meiner Intention:

Du bist immer am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Wo solltest du denn sonst sein?

Mache keinen Augenblick von dem abhängig,
was morgen sein mag.

Denke nur an diesen Tag und diese Stunde
und deine Treue zum Weg,

denn der nächste Augenblick
ist ungewiss und ungewusst.

Ich hatte einen Grund, zu diesem Vipassana zu fahren. Und nun wollte ich meine ganze Energie darin setzen, eine aufrechte Haltung zu bewahren. Und ich spreche hier nicht nur von der äußeren Form. Zumindest ab dem zweiten Tag.

Am ersten Abend durfte ich vorher noch zwei wichtige Lektionen lernen:

Ich kann wirklich im Sitzen einschlafen (das ist mir vorher noch nie passiert) und man wird für diese Verfehlung nicht wie im Film mit der Klatsche ermahnt.

 

Was ist Achtsamkeit?

Stelle dir einen wolkenfreien Tag vor. Der Himmel ist klar und die Sonne scheint. Das ist dein Verstand.

Wenn es regnet und stürmt, sind der blaue Himmel und die Sonne noch immer da. Die Gewitterwolken überdecken sie einfach. Die Wolken, das sind deine Gedanken.

Achtsamkeit ist es, die Wolken zu erkennen. Meditation ist der klare Himmel.

 

Wirf’ Deine Gedanken wie
Herbstblätter in einen blauen Fluss,
schau’ zu, wie sie hineinfallen
und davontreiben – und dann: Vergiss’ sie!

 

Vipassana ist ein Mittel, die Wolken mit einer Feder wegzukitzeln, um die Klarheit des Himmels zu genießen.

 

Vom achtsamen Arbeiten und Gehen

Bei der Introduktion zum achtsamen Arbeiten legte der Leiter des Hauses besonders viel Wert darauf, uns klar zu machen, dass Achtsamkeit nichts über die Geschwindigkeit aussagt. Er meinte, die Lautstärke ist ein viel eindeutigeres Zeichen dafür, wie achtsam jemand bei der Sache bleibt. Wenn in der Küche die Teller fliegen und die Leute sich beim Kürbis schneiden verletzen – was leider ein Tatsachenbericht ist, der einem Kollegen einige Schmerzen bereitete – ist das ein sicheres Zeichen, dass die Leute nicht bei der Sache sind.

Für mich hat Achtsamkeit auch sehr viel mit Sinnlichkeit zu tun. Achtsames gehen und arbeiten bedeutet für mich, die Sinneskanäle nach innen und außen offen zu halten und sich selbst und seine Umwelt wahrzunehmen.

Diese Achtsamkeit förderte auch meine Geschicklichkeit: Beim Gemüse schneiden bin ich als Linkshänder mit meiner rechten Hand mehr als ungeschickt. Um meine Aufmerksamkeit zu erhöhen nutze ich eine Arbeitsmeditation für das Schneiden mit meiner ungeübten Hand. Und es lief fabelhaft. Es war erstaunlich, wie geschickt die Hand plötzlich das Messer führte, da ich so ruhig und gesammelt war.

 

Die großen und kleinen Freuden des Vipassana

Du kannst es dir wohl schon denken: Ich werde dir nicht von Erleuchtung berichten, oder dass sich das dritte Auge geöffnet hätte und wir plötzlich Visionen hatten wie Nostradamus. Niemand ist geschwebt oder begann plötzlich zu leuchten. Alles begann so einfach und simpel wie es sich dem Ende neigte.

Von außen betrachtet müssen wir wie Stumme gewirkt haben, die den halben Tag herumsitzen.

Das Äußere gibt aber sehr selten Aufschluss darüber, wie es im Inneren wirklich zugeht.

Ich kann dir sagen, dass ich keinen Moment Langeweile empfand.

Zugegeben: Bei so mancher Morgenmeditation nahm die Vorfreude aufs Frühstück einen Teil meiner Aufmerksamkeit ein. Und manchmal bin ich im meine Traumwelt abgedriftet und habe mir wundersame Geschichten zusammengereimt. Aber auch das ist Teil der Übung.

Gedanken sind nicht der Feind, sie sind sogar eine Superkraft. Wenn wir sie richtig einsetzen. Und so ist es sehr hilfreich, sich einmal all der sinnlosen Gedankenkreisläufe bewusst zu werden und seine eigenen Denkmuster zu enttarnen.

Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher. ~ Albert Einstein

Wenn das Denken zu einer bewussten Entscheidung wird, dann weißt du dein Köpfchen wahrhaft einzusetzen.

Wenn die Achtsamkeit etwas Schönes berührt,
offenbart sie dessen Schönheit.

Wenn die Achtsamkeit etwas Schmerzvolles berührt,
wandelt sie es um und heilt es.

Die großen und kleine Freuden ergaben sich für mich aus den simpelsten Dingen, und doch erfüllten sei mein Herz: Mit einer Katze spielen, den Tieren im Wald zusehen, das Gemüse mit der Linken Hand schneiden. Plötzlich gewinnen die kleinen Dinge an Bedeutung. Und weil du offen für den Moment bist, nimmst du in voll und ganz in dich auf.

 

Fazit

Bei so viel Sitzen und langsamen Gehen hungert der Körper förmlich nach Bewegung. Das erste, was ich nach meiner Heimkehr gemacht habe, war meine Jogginghosen auszupacken und mich bei meiner Laufrunde endlich mal wieder auszupowern.

So ist übrigens auch Yoga Asana entstanden. Asana leitet sich von „as“ (oh ja, da gibt es eine sehr passende Wort-Verwandtschaft im Englischen) für sitzen ab. Ursprünglich dienten die Yoga-Haltungen ausschließlich dem Zweck, länger sitzen und meditieren zu können. Und das sah mitunter ganz anders aus, als das moderne Vinyasa, das wir heute so lieben.

Ansonsten bin ich die selbe wie vorher, um eine Erfahrung reicher.

Das Besondere im scheinbar Nicht-Besonderen zu erkennen, das ist es, was ich an diesem Wochenende wieder einmal erfahren habe.

So wurde mein Blick doch für die Feinheiten des Alltags geschult und ich nehme sehr viel mehr kleine Freuden wahr, die entlang des Weges ruhen. Ich weiß, dass ich immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht.

 

Stimmst Du mit dem Weg überein,
durchströmt Dich seine Kraft.

Dein Tun wird naturnah,
Deine Art die Art des Himmels.

 

Es geht darum, einfach präsent zu bleiben. Den Moment zu nehmen wie er kommt und nicht dagegen anzukämpfen. Atemzug für Atemzug. Vipassana ist eine wunderbare Schule dafür und schafft auf diesem Weg wirklich mehr Klarheit.

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Bilder: Buddhistisches Zentrum Scheibbs

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